

Forschungsprojekt
Jahresstipendium 2010 für Dr. Stefan Lehr (Universität Münster)
Thema des durch ein Jahresstipendium des DHI Moskau geförderten Habilitationsprojekts sind adlige Lebenswelten in Russland im Zeitraum von 1762 bis 1850. Im Zentrum des Interesses stehen kulturgeschichtliche Aspekte wie Erziehung und Bildung in Kindheit und Jugend sowie Beruf, Dienst und Karrieren im Erwachsenenalter. Darüber hinaus werden Formen der Geselligkeit und Freizeitgestaltung, Alltag, Netzwerke, Familienbeziehungen und Geschlechterrollen sowie Prozesse des Kulturtransfers untersucht.
Die adligen Lebenswelten werden anhand von so genannten Egodokumenten rekonstruiert. Gefragt wird dabei nach der Identität und Mentalität des Adels. Die Verhaltensweisen der Adligen und ihre Wechselbeziehungen zu anderen Gesellschaftsschichten sollen analysiert werden. Welche Bedeutung kam der materiellen Lebensgrundlage, dem Dienst und den Netzwerken bei der adligen Lebensgestaltung und -realisierung zu? Die Ansichten, Einstellungen und Wahrnehmungen des russischen Adels sollen aufgrund der Analyse sowohl der standesüberschreitenden als auch der adligen Binnenkommunikation erschlossen werden. Mit Bourdieus Kapitalsortenansatz und seinem Habituskonzept wird nach dem Verhältnis und der Bedeutung des ökonomischen, sozialen, kulturellen und symbolischen Kapitals gefragt und den Denk- und Handlungsschemata der Adligen nachgegangen. In Anlehnung an das von der Bürgertumsforschung entwickelte Konzept der „Bürgerlichkeit“ wird mit Hilfe des Begriffs der „Adeligkeit“ nach spezifischen Verhaltensmustern des Adels in Russland gefragt.
Ziel ist es, eine Kollektivbiographie des russischen Adels mit Schwerpunkt auf dem Hochadel am Beispiel der miteinander liierten Familien der Golicyns, Apraksins, Stroganovs, Saltykovs und Černyševs für den Zeitraum von 1762 bis 1850 zu schreiben.
Die Arbeit versteht sich als Beitrag zur aktuellen Adelsforschung, in der Fragen nach der „Adeligkeit“ und der Statussicherung von besonderer Bedeutung sind. Auch wird die Identität des russischen Adels im europäischen Kontext verortet.