

„Sozialdisziplinierung“ im Sinne Gerhard Oestreichs beschreibt einen
Rationalisierungsprozess, der „Grundstrukturen des politischen und gesellschaftlichen
Lebens“ umgestaltet hat und zum Kennzeichen der „Formierung der europäischen
Gesellschaft in der Frühen Neuzeit“ geworden ist.
Das 1969 von Oestreich entwickelte Konzept der Sozialdisziplinierung hat die Frühneuzeit-Forschung stark beeinflusst. Arbeiten deutschsprachiger Autoren, in denen die Theorie
angewandt und diskutiert wird, liegen bisher nicht in russischer Sprache vor.
Das Konzept ist auch heute noch aufgrund seines analytischen Gehalts und seiner Methode
der Beschreibung historischer Realität von großer Bedeutung. Es hat das Instrumentarium
nicht nur der deutschen Frühneuzeitforschung bereichert, von der sowjetischen
Geschichtswissenschaft ist es dagegen lange nicht rezipiert worden. In postsowjetischer Zeit
hat Michel Foucaults Konzept der „Disziplinargesellschaft“ in vielen Bereichen seinen Platz
eingenommen. Im Zeichen der anthropologischen Wende in der Geschichtswissenschaft
erfuhr das Konzept der „Sozialdisziplinierung“ im deutschsprachigen Raum Kritik von Seiten
der Sozial- und der Mikrogeschichte. Seine Anwendung erscheint aber nichtsdestotrotz
sinnvoll, da es sich um eine Form „etatistischer“ Geschichtsschreibung handelt, von der
mikrogeschichtliche Studien ihren Ausgang nehmen, selbst wenn sie das Konzept selbst
überzeugend widerlegen.
Am DHI ist ein Projekt in Vorbereitung, das die Rezeption dieser Forschungsrichtung im
russischen Kontext fördern soll. Geplant ist ein Sammelband, der drei Teile umfassen wird:
- Artikel von Autoren wie Martin Dinges, Hans Heinrich Schmidt und Robert Jütte in russischer Übersetzung.
- Beiträge von russischen Autoren (Maya Lavrinovič und Ira Roldugina), die den Ansatz der Sozialdisziplinierung auf die russische Geschichte anwenden.
- Gemeinsame Artikel von russischen und deutschen Autoren, in denen die Weiterentwicklung und Modifikation des Konzepts diskutiert wird.