

Forschungsprojekt
Jahresstipendium 2010 für Nikita Petrov, Ph.D.
(Wissenschaftliches Informations- und Aufklärungszentrum „Memorial“)
Die politischen Repressionen in der UdSSR stellten eine folgerichtige Konsequenz der Durchsetzung der ideologischen Doktrinen der Kommunistischen Partei dar. Diesen entsprechend wurden die Angehörigen der sogenannten „feindlichen Klassen“ in ihren Rechten beschnitten und Verfolgungen ausgesetzt- Es wurde ein System einer rigiden totalitären Diktatur und der Unterdrückung jeglicher vom Staat nicht sanktionierter politischen Aktivitäten etabliert, Formen jeglichen sozialen Protests unterlagen der Verfolgung. Im Jahre 1945 begannen sich in den Ländern Osteuropas wie auch in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands undemokratische, auf Repressionen aufbauende und dem sowjetischen Typus entsprechende Regimes zu etablieren.
Die Strafpolitik der sowjetischen Besatzungsmacht in Ostdeutschland war Teil der allgemeinen Repressionspolitik Stalins in der Nachkriegsperiode. Das Hauptinstrument zur Ausübung von Repressionen in Ostdeutschland war die Einrichtung von Organen für innere Angelegenheiten (NKWD/MWD), der Staatssicherheit (NKGB/MGB) und der militärischen Spionageabwehr (GUKR SMERŠ) auf ostdeutschem Territorium. Jede dieser Behörden hatte ihren eigenen Zuständigkeitsbereich, ihre Tätigkeit wurde koordiniert durch den NKVD-Bevollmächtigten in Deutschland, Generaloberst Ivan Serov. Diese Arbeit war geprägt durch Reibereien zwischen den einzelnen Behörden.
Eine Analyse der Planung und Umsetzung der Kaderpolitik der ČK-Organe in der sowjetischen Besatzungszone vermag auf viele Fragen eine Antwort zu geben. In welchem Maße konnte der politische Apparat der SMAD Einfluss nehmen auf die Gestaltung der Repressionspolitik in der sowjetischen Besatzungszone? Wie lassen sich bestimmte Repressionskampagnen und Maßnahmen zur Umgestaltung des Apparats und zur Erweiterung der Vollmachten des Ministeriums für Staatssicherheit in Deutschland erklären? Was steckte hinter der Verschärfung des Besatzungsregimes in den Jahren 1950 bis 1952? Welche Ursachen und Folgen hatte die Reorganisation des Apparats des Ministeriums für innere Angelegenheiten nach dem Tode Stalins?
Bisher sind nur wenige Arbeiten zu diesem Themenbereich erschienen. Eine Reihe von ihnen hat die politischen Repressionen und die Tätigkeit der Straforgane in der sowjetischen Besatzungszone zum Gegenstand. Größere Forschungen und Monographien zur Struktur den Kadern der Straforgane und ihrer Repressionspolitik wurden bisher in russischer Sprache nicht veröffentlicht. Eine Überblicksdarstellung fehlt bisher.
Eine Studie, die den Aufbau und das Funktionieren des sowjetischen Repressionsapparates in Ostdeutschland, vom NKVD-Bevollmächtigten bis hin zur Vertretung des KGB, analysiert, sucht nicht nur neue Antworten auf die oben genannten und auf weitergehende Fragen zu finden. Sie beleuchtet auch den Hintergrund der bürokratischen Reorganisationen und kann ein neues methodisches Instrumentarium für die Analyse sowjetischer Spionagestrukturen und Spionageabwehrstrukturen erarbeiten. Die Relevanz des Themas besteht darin, dass viele Spannungen in den zwischenstaatlichen Beziehungen der Länder des ehemaligen Ostblocks auch heute noch bedingt sind durch eine unzureichende Klärung dieser "heiklen Fragen".
Im Rahmen des Projekts ist bereits ein Dokumentensammelband in russischer und in deutscher Sprache veröffentlicht worden: Jan Foitzik, Nikita Petrow, Die sowjetischen Geheimdienste in der SBZ/DDR von 1945 bis 1953, Berlin/ New York 2009. Ein biographisches Handbuch mit dem Titel Das Führungspersonal des NKVD-MGB in Deutschland, 1945-1954 wird zur Publikation vorbereitet. Es umfasst mehr als 800 Biografien von Mitarbeitern der sowjetischen Staatssicherheit, die in den operativen Einheiten des NKVD und im Apparat des MGB-Bevollmächtigten für das Ministerium für Staatssicherheit in Deutschland gedient haben.
Geplant ist eine Monographie mit folgenden Themenschwerpunkten:
Quellengundlagen der Untersuchung sind Materialien staatlicher und behördlicher Archive, u.a. des Staatlichen Archivs der Russischen Föderation (GARF), des Russischen Staatlichen Militärarchivs (RGVA), des Russischen Archivs sozial-politischer Geschichte (RGASPI), des Zentralarchivs des FSB der Russischen Föderation, des Präsidentenarchivs der Russischen Föderation, des Russischen Staatlichen Archivs für Neuere Geschichte (RGANI).