→ Forschung >> Einzelprojekt

Forschungsprojekt „In den Schützengräben von Stalingrad“

Dieses vom Deutschen Historischen Institut Moskau in Zusammenarbeit mit dem Institut für Russische Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften durchgeführte Forschungsvorhaben sieht die Edition von bislang unbekannten Dokumenten zur Schlacht von Stalingrad (1942/43) vor, die die Stimmen von sowjetischen Soldaten im unmittelbaren Kampfgeschehen wiedergeben. Im Mittelpunkt stehen hunderte von stenographisch protokollierten Gesprächen, die eine Gruppe von Moskauer Historikern Anfang Januar 1943 an der Stalingrader Front mit sowjetischen Rotarmisten und Zivilisten führten. Die Gesprächsprotokolle sind in ihrer Ausführlichkeit und Offenheit einzigartig. Sie geben Einblick in die Worte, Bilder und Gedanken, mit deren Hilfe sowjetische Soldaten noch während des Kampfgeschehens den Krieg und ihre eigene Rolle in ihm verarbeiteten. Sie sind zeit- und ortsnäher als die meisten bekannten Quellen, anhand derer Forscher versuchen, die persönliche Kriegserfahrung auf sowjetischer Seite zu rekonstruieren. Da die Moskauer Historiker verschiedene Angehörige ein und derselben Einheit befragten, ergibt die Summe der Interviews eine Mikrodarstellung der sowjetischen Gesellschaft im Krieg, die in dieser Verdichtung einmalig ist.

Die Historiker gehörten einer schon 1941 gebildeten Kommission zur Erforschung der Geschichte des „Großen Vaterländischen Krieges“ an, die sich an der Moskauer Akademie der Wissenschaften um den bekannten Bürgerkriegshistoriker Isaak Minc gruppierte. Der Frontschauplatz Stalingrad ist im Archiv der Kommission besonders gut dokumentiert. Die aus Moskau angereisten Historiker führten Gespräche mit sowjetischen Kommandeuren und Offizieren, Politoffizieren, einfachen Rotarmisten und Sanitätern, Vertretern von Zivilbehörden und Fabrikarbeitern der Stadt. Bemerkenswert an den Gesprächen sind vor allem die freie Erzählweise der sowjetischen Kriegsteilnehmer und das Selbstbewusstsein, mit dem sie von ihrem erfolgreichen Abwehrkampf gegen die „faschistischen Eroberer“ sprechen. Die Texte sind weitgehend frei von schablonenhaften Beschwörungen der „führenden Rolle der Partei“ oder des „weisen“ Oberbefehlshabers Stalin. Was Historiker bereits zur sowjetischen Intelligencija im Krieg festgestellt haben, lässt sich nun auch für Soldaten in der Roten Armee belegen: dass der Krieg trotz seiner Bedrohungen und Entbehrungen auch Freiräume eröffnete und vor allem die Möglichkeit, sich als aktiven Teilnehmer eines wirklichen Volkskriegs zu verstehen.

Gegen Kriegsende waren die freie Sprechweise und die individuelle Aneignung des Krieges, die sich in den Stalingrader Protokollen manifestierten, schon nicht mehr möglich. Mit dem neuauflebenden Personenkult geriet Stalin zum Hauptakteur im Großen Vaterländischen Krieg und zu seinem alleinigen Autor. Die Historiker-kommission wurde aufgelöst, ihre in Stalingrad und an anderen Frontabschnitten gewonnenen Materialien verschwanden im Keller der Akademie der Wissenschaften.

Mit der geplanten Edition sollen diese Dokumente erstmals einer breiteren Öffentlichkeit in Russland und Deutschland zugänglich gemacht werden. Neben den Gesprächsprotokollen selbst will die Edition auch die Geschichte der sowjetischen Historikerkommission vorstellen, deren Methoden in Teilen die heute florierende Oral History vorwegnahmen. Die Edition wird ferner eine Reihe von weiteren Dokumenten aufnehmen, die von anderer Seite Licht auf die Stimmungen und Gedanken sowjetischer Kriegsteilnehmer in Stalingrad werfen: Geheimberichte und Analysen des NKVD zur politischen Moral der bei Stalingrad kämpfenden Truppen, Auswertungen konfiszierter sowjetischer Briefe und Tagebücher, Verhörprotokolle von Rotarmisten, denen Panikmache oder Defaitismus vorgeworfen wurde u.s.w.

Das von der Fritz Thyssen Stiftung geförderte Projekt hat eine Laufzeit von zwei Jahren (Juni 2009 bis Mai 2011). Es soll zur Publikation einer kritischen Edition in russischer und deutscher Sprache führen, die die Grundlage für eine noch zu schreibende sowjetische Erfahrungsgeschichte des Krieges liefern wird. Nicht zuletzt will die Edition einen Diskussionsbeitrag zu Stalingrad als Erinnerungsort im russischen und besonders im deutschen öffentlichen Gedächtnis leisten. Es ist zu hoffen, dass die Dokumente der Minc-Kommission in deutscher Übersetzung das sich hartnäckig haltende Bild von Stalingrad als einer ausschließlich deutschen Tragödie zumindest erweitern, wenn nicht hinterfragen können. Vor diesem Hintergrund ist damit zu rechnen, dass die angestrebte Dokumentation sowjetischer Stimmen in Stalingrad ein breites öffentliches Echo finden wird.

Projektleitung auf deutscher Seite: Prof. Dr. Jochen Hellbeck (DHI Moskau/Rutgers University), hellbeck[at]rutgers.edu; Projektleitung auf russischer Seite: Dr. habil. Andrej N. Sacharov; Direktor, Institut für Russische Geschichte der Akademie der Wissenschaften, Moskau.