

Das Forschungsprojekt befasst sich mit der Geschichte der Nationenbildung in West- und Mitteleuropa (vornehmlich in Bezug auf Deutschland) in der Frühneuzeit. Es untersucht die humanistische Geschichtsschreibung des 15./16. Jh., die ihre eigene Methode auf Grund der Quellenerforschung zu schaffen meint, systematisch unter diese Fragestellung. Im Mittelpunkt steht die Analyse der Schriften bedeutender humanistischer Autoren. Die Ausgangsthese ist, dass die „Nation“ in der Frühen Neuzeit zuerst als Konstrukt des humanistischen Denkens und vor allem der Geschichtsschreibung auf der Suche nach einer ethnischen Identität entstand und von mythischen Vorstellungen gespeist war, die zu ihrer Zeit bestimmten politischen Zwecken dienten. Chroniken und Annalen, kurze und umfassende Beschreibungen der Länder und der ganzen „Germania“ („Francia“, „Italia“), Zeitbücher, Pamphlete, Lobreden, Oden und Elegien, Briefe und Reden aus der Epoche der Renaissance sollen unter dieser Fragestellung erforscht werden. Das Projekt stellt sich die Aufgabe, die Entstehungsursachen bzw. die Genese, die inhaltliche Ausformung und die soziale Verankerung des neu entstandenen Konstrukts im einzelnen zu erforschen. Es leistet damit einen Beitrag zur Ideengeschichte der Frühen Neuzeit.
Die Epoche der Renaissance brachte eine Wende im westeuropäischen Bewusstsein hervor. Neue, für diese Periode typische politische, wirtschaftliche und kulturelle Prozesse bedurften der ideologischen Begründung und neuer Symbole. Der Lauf der Geschichte selbst hat die Hauptrichtungen dafür bestimmt. In den Schriften humanistischer Historiker spiegeln sich die Konjunkturen ihrer Epoche wider. Sie entwarfen Kontinuitätslinien, legitimierten genealogische Abfolgen und schufen damit eine „virtuelle“, aber durchaus wirkungsmächtige Realität. In diesem Sinne sind sie zu Mitschöpfern der Mythen einer neuen Epoche geworden. Ihre Ideen wurden dann selbst zum Argument der Geschichte und übten einen großen Einfluss aus. In diesem Zusammenhang war der nationale Mythos nichts anderes, als einer der Wege kollektiver Erfahrung.
Ende des 15./Anfang des 16. Jh. wuchsen die Spannungen im Heiligen Römischen Reich. Die Konfliktlinien waren: universales Imperium gegen neue starke dynastische Staaten, Christentum gegen Heiden (Türken), der Papst gegen die Kaiser, die Kapetinger gegen die Habsburger, die Habsburger gegen die Wittelsbacher, Katholizismus gegen das Streben nach Reformen. Diese Konflikte zerstörten das Abendland als christliches Universum. Der Papst wurde immer weniger als gemeinsame geistliche Autorität akzeptiert. Es entstanden neue regionale Zentren (die in der Zukunft noch eine wichtige politische Rolle spielen sollten). Im Dienst ihrer Herrscher waren diese Adepten der Renaissancekultur. Ihre Interessen ähnelten jenen der Fürsten – nämlich eigene Ambitionen zu begründen, die alte und bekannte Herkunft der deutschen (französischen u.a.) kulturellen und staatlichen Traditionen zu legitimieren. Die Debatten um die „translatio imperii et studii“, bzw. um das römische Erbe und die Hauptrolle im Reich, markierten die Demarkationslinie zwischen den entstehenden nationalen Schulen der Geschichtsschreibung.
Das Motiv der nationalen Identifizierung ist eines der Leitmotive in der Partitur der Epoche. Die Hauptimpulse dafür lieferte insbesondere der Streit um die „translatio“. Die Entstehung des Nationalmythos in Deutschland ist in erster Linie der Entdeckung des Manuskriptes der „Germania“ von Tacitus (1455, Kloster Fulda) zu verdanken. Die Repliken von Enea Silvio Piccolomini über die Größe der deutschen Kultur und von Gianantonio Campano über die in der Geschichte anerkannten Tugenden der Deutschen und ihre Kriegstüchtigkeit, dann die Publikationen dieser Werke und die Kommentare dazu haben den Erfindern der deutschen „Nation“ Anlass gegeben, über die vor mehr als tausend Jahren existierende, damals amorphe und in ständigem Fluss befindliche politische Welt zwischen Nord- und Ostsee, Rhein, Donau und Weichsel als über historisch Gemeinsames – Land der Deutschen – zu sprechen. Im Mittelpunkt historischer Werke des 16. Jh. steht die Suche nach den Anfängen der Nation und des heterogenen „origo“.
Auf der Basis quellengestützter Studien kommt man, also, zu der Hypothese, dass die Nation erst als Idee der ethnischen Identität, als Konstrukt der humanistischen Geschichtsschreibung und als Mythos entstand. In der Frühen Neuzeit begann das Konzept „Nation“, sich im menschlichen Bewusstsein im heutigen komplizierten Sinne zu etablieren. Die Humanisten trennten damit das „Eigene“ vom „Fremden“ auf dieser neuen ethnischen Ebene und „entdeckten“ auf diesem Wege die „nationalen“ Wurzeln, Symbole, Helden, Beschützer, Feinde und Stereotypen. Das von ihnen vorgeschlagene Schema der Nationsbildung konnte gewiss nicht die Diskontinuität überwinden. Deswegen haben sie retrospektiv kontinuierliche gemeinsame Grenzen, Sprachen und Kultur, nationale Tugenden, bzw. Volkscharakter, politische Interessen usw. „gefunden“. Zeitgenössische Mythen haben als eine Art gemeinsames historisches Bewusstseins die Nation als Idee konstituiert.
Die Besonderheit der Mythenerfindung der Renaissance liegt darin, dass die Historiker dieser Zeit auch Methoden zur Bekämpfung dieser Mythen vorschlugen. Diesen zugrunde lag die Arbeit mit den Quellen („ad fontes“). Formell folgten sie dieser Methode, auch wenn sie das Altertum mythologisierten, neue Genealogien bauten, neue Kontinuitätslinien konstruierten. Sie schufen deutsche (französische, italienische, englische u.a.) „alte“ Mythologien, die in sich alttestamentarische und antike Figuren, epische Helden, Fälschungen (z. B. von Gianni Nanni oder Trithemius) und auch reale historische Personen einschlossen. Wenn man diese Mythologie analysiert, entdeckt man die Bedeutung der „nationalen Renaissance“ und kommt zu den Anfängen, zur Geburt der Nationen in Europa.