Vom Internationalismus zur Multipolarität – UdSSR und Russland und internationales Peacekeeping

Das Projekt fragt auf multiarchivalischer Grundlage nach der Verortung und Selbstverortung der UdSSR und Russlands in den – breit verstandenen – internationalen Beziehungen nach 1945. Die entsprechenden Aktivitäten in internationalen Institutionen im Wechselspiel mit Staaten, Gesellschaften und Repräsentanten in allen Teilen der Welt bieten einen vielversprechenden Zugang, wurden hier doch relevante Fremd- und Selbstbilder sichtbar, das eigene Verständnis internationaler Beziehungen dokumentiert, nationale und internationale resp. transnationale Gegensätze ausgetragen, Kooperationen und Verflechtungen realisiert.

Die Analyse konzentriert sich auf die sowjetischen und russischen Positionen hinsichtlich des UN Peacekeeping. Die Geschichte des UN Peacekeeping ist besonders aussagekräftig, da sie politische, diplomatische, wirtschaftliche, militärische und kulturelle Aspekte der internationalen Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts zusammenführt.

Insgesamt werden verschiedenartig begründete Krisen in diversen Regionen zu unterschiedlichen Zeiten und mit entsprechend unterschiedlichen Zielsetzungen, Ansätzen und Auswirkungen von UN-Operationen in Fallstudien untersucht. Frühe Debatten um Streitkräfte der UN und erste Stellungnahmen zu Operationen ab Ende der 1940er Jahre erlauben es, sowjetische Ausgangspositionen zu ermitteln. Die Zeit seit den späten 1980er Jahren mit ihrer neuen Qualität von UN-Einsätzen, mit der Herausbildung neuer Sicherheitsstrukturen und neuer internationaler Beziehungen einschließlich der UdSSR/Russlands bildet einen zweiten zeitlichen Schwerpunkt – mit Fokus auf Asien und Afrika –, die Entwicklungen seit den 1990er Jahren einen dritten.

Im Ganzen bieten Gründe, Ziele und Mittel sowjetischer/russischer Aktivität – oder Passivität – in diesen UN- bzw. in alternativen institutionellen Zusammenhängen (von GUS und OSZE) unter sich wandelnden internationalen Rahmenbedingungen verlässliche Indikatoren für das internationale Selbstverständnis, für internationale Kooperationsbereitschaft und -fähigkeit Moskaus, für sowjetische/russische Grundvorstellungen über Ziele und Mittel globaler Ordnungen und Normen sowie für die entsprechende Auseinandersetzung mit anderen Entwürfen, für Wandlungen von eigenen Sicherheitsbegriffen (politisch, militärisch, wirtschaftlich, umweltpolitisch), für Kontinuitäten und Wandlungen in der sowjetischen/russischen Einstellung zu internationaler Zusammenarbeit und damit für die sowjetische/russische Bewertung von Chancen und Risiken internationaler und supranationaler Eingriffs- und Wirkungsmechanismen.

Das Vorhaben weitet die weitgehend übliche Konzeptualisierung des Untersuchungsgegenstands als Problem von nationaler und kollektiver Sicherheit aus, indem es das Spannungsfeld von nationalen Interessen, traditionellen Denkmustern und Konzeptionen, ideologischen Prägungen sowie miteinander verflochtenen bilateralen wie multilateralen Dynamiken – u.a. von Kaltem Krieg, Dekolonisierung, globalen Umweltkrisen, Terrorismus – untersucht.

PROJEKTLEITUNG: Andreas Hilger
LAUFZEIT: 2019 – 2023
VERANSTALTUNGEN:
Peace and Security in Times of Transition (DHIM, MGIMO, Moskau (hybrid), 15.-17. Oktober 2021)
 

Forschung