Das alte Russland auf der Anklagebank: der Prozess gegen Äbtissin Mitrofanija vor dem Moskauer Bezirksgericht (1874)

Im Oktober 1874 wurde vor dem Moskauer Bezirksgericht einer der spektakulärsten Gerichtsfälle in der Zeit der Großen Reformen verhandelt. Auf der Anklagebank saß Äbtissin Mitrofanija, Vorsteherin des Vladičnyj Frauenklosters in Serpuchov, Leiterin mehrerer wohltätiger Schwesternschaften, Tochter des baltischen Generaladjutanten Baron Grigorij von Rozen und ehemalige Hofdame der Zarin Aleksandra Fedorovna. Mitrofanija war angeklagt, zur Finanzierung ihrer höchstambitionierten wohltätigen Unternehmungen reiche Kaufleute in großem Stil betrogen und erpresst zu haben. Direkt und indirekt beteiligt waren an dem Prozessgeschehen Vertreter aller sozialer Schichten: von der Zarenfamilie, hochadeligen Damen und hochrangigen Beamten über höchste kirchliche Autoritäten, aufstrebende Juristen und Publizisten bis hin zu Kaufleuten, Skopzen, jüdischen Händlern und Bauern. Das Projekt stellt sich die Aufgabe, durch eine dichte Beschreibung dieses Strafprozesses sowie der zahlreichen Zivilprozesse, die im Umfeld des Falls der Äbtissin Mitrofanija geführt wurden, ein Kaleidoskop der sozialen, rechtlichen, wirtschaftlichen und politischen Beziehungen sowie der Handlungs- und Denkweisen einer Gesellschaft in der Umbruchsphase der Großen Reformen herauszupräparieren.

PROJEKTLEITUNG: Sandra Dahlke
SCHLÜSSELPUBLIKATIONEN:
Sandra Dahlke: Old Russia in the Dock: The Trial against Mother Superior Mitrofaniia before the Moscow District Court (1874), in: Cahiers du Monde Russe 53 (2012) 1, S. 95–120

Sandra Dahlke: Starorusskij uklad na skamʹe podsudimych: process protiv igumenʹi Mitrofanii v Moskovskom okružnom sude (1874), in: DHI Moskau: Vorträge zum 18. und 19. Jahrhundert, Nr. 21, 2014

Forschung