Eine Geschichte der Nordost-Passage: Russlands Weg in den asiatisch-pazifischen Raum

Kolumbus hat Amerika bekanntlich nur deswegen „entdeckt“, weil der Kontinent den Seeweg von Europa nach Indien und China versperrte. Die Suche nach einer Route zu den Reichtümern Asiens ging weiter – eine Variante wurde schnell entlang der Nordküste Sibiriens vermutet: die Nordost-Passage. „Gefunden“ durch wissenschaftliche Expeditionen des 18. Jahrhunderts, gelang ihre erste Durchquerung dann 1878/79. Unter der Sowjetmacht entwickelte sich die Route allmählich zu einer regelmäßigen Schifffahrtsstrecke; die erste Passage an einem Stück, also ohne Überwinterung, erfolgte aber erst 1932. Heute stellt der „Nördliche Seeweg“ eines der ambitionierten Infrastruktur-Projekte der Russländischen Föderation dar: Mit riesigen, atomgetriebenen Eisbrechern soll sie ganzjährig offengehalten werden und einen immer größeren Teil des Welthandels durch das Polarmeer und nicht mehr durch den Suezkanal lenken. Der Ausbau der Nördlichen Seeroute ist Teil von Russlands gegenwärtiger „Wende nach Asien“.

Die Geschichte der Nordost-Passage ist lediglich in Versatzstücken geschrieben. Seit dem 18. Jahrhundert haben vor allem russländische (und später sowjetische) Seefahrer, Forscher, Kaufleute oder Herrscher die Erkundung der Strecke betrieben. Erforscht sind bislang vor allem die abenteuerlichen Entdeckungsfahrten, die aus diesen Interessen hervorgingen. Doch lässt sich die Erschließung der Nordost-Passage auch als Sonde benutzen, um Russlands Geschichte in Eurasien und als maritime Macht zu analysieren. Die Kontrolle der Polarmeerküste war Teil der imperialen Expansion und Zivilisierungsmission des Zarenreichs bzw. der Sowjetunion; sie war eingebettet in Diskurse über den Norden und seine Völker sowie über Russlands Rolle als Drehscheibe zwischen West und Ost, zwischen dem Atlantik und dem Pazifik. Der Nördliche Seeweg war eine Bühne für Heldenmythen und Planwirtschaft, für ökologische und humanitäre Katastrophen und nicht zuletzt für das atomare Wettrüsten während des Kalten Kriegs. Außerdem ging und geht es mit der Erschließung dieses Seegebiets um ökonomische Ressourcen – d.h. um den Abbau und Abtransport von Rohstoffen und Handelsgütern. 

Das Projekt nimmt ein fünf Jahrhunderte umfassendes Kapitel der russischen Infrastrukturgeschichte in den Blick, an dem Historiker bislang, im Vergleich mit der Geschichte der russischen Eisenbahn, kaum geschrieben haben. Es geht darin nicht vorrangig um die technisch-materielle Geschichte von Transport-, Versorgungs- oder Kommunikationsstrukturen, sondern einerseits um Infrastrukturen als verbindende Medien – zwischen Europa und Asien, Zentrum und Peripherie, Märkten und Menschen. Andererseits soll eine Wissensgeschichte der Nordostpassage geschrieben werden: von ihrer wissenschaftlichen Erforschung bis zur Popularisierung der Route als prestigeträchtiger Wasserweg von globaler Bedeutung. Erst die Diskurse über Infrastrukturen erlauben schließlich, ihre Bedeutung zu erfassen.

PROJEKTLEITUNG: Andreas Renner
LAUFZEIT: seit 2018

Forschung