Topographie ostslawischer „Erinnerungsorte“ vom Ende des 15. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts

Internationale wissenschaftliche Konferenz (DHI Moskau, 5.-7. Oktober 2017)

im Rahmen des internationalen Forschungsprojekts „Die Ostslawen auf der Suche nach neuen Űberregionalismen (Ende 15. bis Mitte 18. Jh.) im Kontext der modernen Nationenbildung in Europa“

Organisator: Deutsches Historisches Institut Moskau
Konferenzsprachen: Russisch, Ukrainisch, Weißrussisch

Die Herausbildung neuer überregionaler Gemeinschaften in der ostslawischen Welt vom Ende des 15. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts verlief kompliziert und widersprüchlich. Unterschiedliche Identitätsmodelle bestanden nebeneinander her, bekämpften und bereicherten sich gegenseitig – es handelte sich um einen vielschichtigen und variablen Prozess.
 
Im konkurrierenden multikulturellen, multiethnischen und multikonfessionellen Raum des Grofßfürstentums Litauen und der polnischen Krone bzw. der späteren Rzeczpospolita kam es zu einer gewissen Assimilierung und Akkulturierung der dort gelegenen ostslawischen Gemeinschaften der Ruthenen, aber auch zum Widerstand gegen diese Entwicklung. Die west- und osteuropäischen Kulturtraditionen in all ihrer Vielgestaltigkeit verschmolzten hier zu einem einheitlichen politisch-geographischen Raum.
 
Das Großürstentum Moskau (beziehungsweise der Russische Staat) hingegen blieb nach der Emanzipation von der Goldenen Horde der griechischen Ostkirche verhaftet, betrachtete sich seit dem Fall von Konstantinopel (1453) als Hort des wahren Christentums und setzte seinen Widerstand gegen das Vordringen des „Lateinertums“ und der Verwestlichung bis ins 17. Jahrhundert fort.
Die Teilung der Metropolie Kiew infolge der staatlichen Abgrenzung der Ostslawen im 14.-15. Jahrhundert (als von einer einheitlichen Rus' keine Rede mehr sein konnte) führte zu einer weiteren Schwächung ihrer kulturellen Verbindungen. Längst begründeten neue Gemeinschaften der Rus' eigene aktuelle „Erinnerungsorte“.

Die Ostslawen suchten nach neuen Identitäten, indem sie ihre historische Vergangenheit (die einst im Rahmen der Rus' als eine gemeinsame erschienen war) je nach Gelegenheit vergaßen oder sich an sie erinnerten, sie umformten und variierten, sie mit neuen Inhalten füllten, neue Interpretationen für sie bereithielten, sie in neue historische Kontexte und Legitimationen einbauten, ihre Akzente verschoben, sie manipulierten, und endlich nationalisierten.
 
Die Konferenz sieht ihre Aufgabe darin, eine Diskussion über die „Erinnerungsorte“ der „Nachfahren der Rus'“ vom 15. zum 18. Jahrhundert anzustoßen, über die Mechanismen, Kanäle und Dynamiken der Kommemorationspraktiken, sowie ihre damalige Rezeption. Es ist uns wichtig zu verstehen, welche Art von Identitäten sie konstituierten – lokale, regionale, überregionale (als frühmoderne nationale), transnationale, polylaterale (unterteilte), konfessionelle, epochen- oder länderspezifische, und so fort, und welches ihr symbolisches Potential und ihre Rolle bei der Bildung neuer „Wir-Gruppen“ bei den Ostslawen in dieser Epoche gewesen sind. Worin bestand ihre Besonderheit?

Vorträge: 30-40 Min.

Bewerbungsschluss: 1. August 2017
 
Kontakt: Dr. Andrej W. Doronin