ONLINE: Buchvorstellung "Kultur und Lebenswelt des Adels in der russischen Provinz im 18. Jahrhundert"

  • 12.10.2021
  • 18.00 Uhr
  • ONLINE
  • Buchpräsentation

Ol'ga Glagoleva (University of Toronto) und Ingrid Schierle (Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde der Universität Tübingen) präsentieren drei neue Bände: 

Kulʹtura i byt dvorjanstva v provincialʹnoj Rossii XVIII veka [Kultur und Lebenswelt des Adels in der russischen Provinz im 18. Jahrhundert], Ol'ga Glagoleva, Ingrid Schierle (Hrsg.), Bde. 1-3, Moskau 2021.

Arbeitssprache: Russisch 

► Die Einberufung der Großen Kommission 1767-1774 stellte einen der Wendepunkte in der Geschichte Russlands dar. Die Wahlen für die Deputierten der Gesetzgebenden Kommission, die Abfassung von „Instruktionen“ (Nakazy) mit der Formulierung der Nöte und Wünsche aller Untertanenkategorien (mit Ausnahme der Leibeigenen) sowie die Diskussion der von Katharina II. unter dem Einfluss der Ideen der europäischen Aufklärung verfassten „Instruktion“ (Nakaz) im Kreis der Deputierten initiierten zum ersten Mal in der Geschichte Russlands einen Dialog zwischen der Bevölkerung des Landes und der Obrigkeit. Aber hat an diesem Dialog auch der Provinzadel teilgenommen? Oder hat der Provinzadel, wie manchmal in der Forschungsliteratur behauptet wird, aufgrund seines Unwissens, seines mangelnden Interesses und seiner fehlenden Fähigkeiten die Initiative der Kaiserin ignoriert?

Die vorliegende Ausgabe erscheint in vier Bänden. Erstmalig wird hier eine umfassende Analyse der Teilnahme des Provinzadels an der Wahl der Deputierten für die Gesetzgebende Kommission wie auch an der Arbeit in der Kommission am Beispiel von Materialien der Gouvernements Orel und Tula vorgestellt. Präsentiert werden die ersten drei im Verlag ROSSPEN erschienenen Bände, der vierte Band ist in Vorbereitung.

Der erste Band enthält Artikel und Materialien, die die Spezifik der sozioökonomischen Entwicklung, der Verwaltungsstruktur der beiden Regionen und den Ablauf der Wahlkampagne für die Gesetzgebende Kommission vor Ort skizzieren. Außerdem enthält der Band den ersten Teil (A-B) des biografischen Lexikons der Adligen aus den Gouvernements Orel und Tula, die an den Wahlen zur Gesetzgebenden Kommission teilgenommen haben.

Der zweite Band umfasst den zweiten Teil des biographischen Lexikons (G-Ja). Insgesamt sind mehr als 1200 Adlige, deren Namen und Leben im Laufe der Jahrhunderte praktisch verloren gegangen war, erfasst. Aufgrund der Auswertung umfassender Archivbestände ist es gelungen, das Leben dieser Adligen nicht nur im Lichte ihrer Dienstbiographien, sondern auch im Kreis ihrer Familien, Verwandten und Nachbarn zu rekonstruieren. Dies erlaubt es, vielfältige Netzwerke zu analysieren und Lebenswelten lokaler Adelsgesellschaften aufzuzeigen.

Der dritte Band enthält bisher nicht publizierte Archivmaterialien zur Bekanntmachung von Adligen aus Orel und Tula mit dem Manifest zur Einberufung einer Gesetzgebenden Kommission vom 14. Dezember 1766, Dokumente zu den Wahlen von Adelsmarschällen und Deputierten in den Regionen, zur Abfassung und dem Unterschreiben der „Nakazy“ sowie zur Arbeit der Deputierten in der Gesetzgebenden Kommission.

Die Projektergebnisse zeigen, dass die russische Provinz einen Adaptionsprozess an sich wandelnde Lebensbedingungen durchlebte und dass die Teilnahme der Provinzadligen an der Wahl zur Gesetzgebenden Kommission nicht nur den Gang der lokalen, sondern auch der „großen“ russländischen Geschichte beeinflusste.